Technik und Ambiente bestimmen das Kino von morgen


Das Kino von heute ist technikgetrieben. In der zweiten Phase der Digitalisierung stehen erneut Millionen-Euro-Investitionen an. Gleichzeitig steigen die Ansprüche der Besucher an Ambiente und Service. Alles zusammen bildet den Rahmen für die nicht immer reibungslose Neuorientierung vieler Kinostandorte.

Der veraltete Begriff Lichtspieltheater drückt das aus, was heute wieder Konjunktur hat: Foyer und Kinosäle strahlen Atmosphäre aus, man sitzt bequem mit Beinfreiheit, es gibt auf Wunsch Service am Platz und dazu ein gastronomisches Angebot, um den Filmtheaterabend abzurunden. Die Hauptsache muss natürlich auch stimmen, sprich das Filmangebot samt der Bild- und Tontechnik.

Die Kinobranche steht aktuell sehr gut da. Mehr Säle, mehr Besucher und mehr Umsatz könnte als Überschrift über der Halbjahresbilanz 2017 der Filmförderungsanstalt (FFA) stehen, denn in allen drei Bereichen gab es gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Plus. "Der Kinomarkt hat den Turnaround geschafft und es gibt wieder mehr Kinos", fasst FFA-Vorstand Peter Dinges die aktuelle Bilanz zusammen. Der Umsatz der Kinos stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 7,7% auf 518,7 Mio. Euro. 60,2 Mio. Tickets wurden in den ersten sechs Monaten dieses Jahres verkauft, das entspricht 2,8 Mio. bzw. 4,9% mehr als im ersten Halbjahr 2016. Aktuell gibt es 4.761 Kinoleinwände und damit 68 mehr als im Jahr davor und so viele wie seit 2009 nicht mehr. Auch die Zahl der Kinos kletterte innerhalb eines Jahres von 1.640 auf 1.662 (siehe auch "Key Facts zum Kinomarkt").

Branchenkenner wie Arne Schmidt gehen aber davon aus, dass einige Kinostandorte in den nächsten Jahren fallen werden. Teils, weil sie over-screened sind, wie beispielsweise Dresden. Teils, weil nur große Kinobetreiber finanziell in der Lage sind, sich den dauernden technischen Veränderungen und Ansprüchen der Kunden anzupassen. Für einen neuen Kinosaal kommen durchschnittlich Baukosten von ca. 1 Mio. Euro zusammen. Zwar ist die Umstellung von analoge auf digitale Filmprojektoren flächendeckend seit ca. 2010 abgeschlossen, doch manche Digitalprojektoren haben sich noch nicht amortisiert. Weil die Kolben in den Projektoren nur eine beschränkte Lebensdauer von ca. 700 Betriebsstunden haben und danach die Lichtstärke nachlässt, fallen jährlich bis zu 12.000 Euro je Kinosaal für den Ersatz an. Laserprojektoren garantieren die Lichtleistung über zehn Jahre hinweg, sind aber in der Anschaffung um einiges teurer.

Und schon steht der nächste Digitalisierungsschritt innerhalb der Branche an. Eine neue Technologie mit hochauflösenden LED-Installationen könnte Projektor und Leinwand bald ablösen. Auf der diesjährigen Kinomesse Cinemacon in Las Vegas hat Samsung die weltweit erste Display-Lösung vorgestellt. Der sogenannte Cinema Screen ermöglicht ein Kinoerlebnis in 4K-Auflösung. Unabhängig vom Format erreicht er einen bis zu zehnmal höheren Helligkeitswert als Standard-Kinoprojektoren. Die Kosten pro Kinosaal werden voraussichtlich bei rund 500.000 Euro liegen.

Auch VR-Techniken (Virtual Reality) gehen weiter. Immer mehr Filmverleiher machen Werbung für Filme mit VR-Erlebnissen. "Das Angebot mit VR macht Kino als Erlebnisort attraktiver", sagt Benjamin Dauhrer, Mitglied der Geschäftsleitung von Cinecitta in Nürnberg. Dort gibt es seit Ende Juli einen VR-Raum, zunächst nur um interaktive Spiele erleben zu können. Dauhrer nennt es "Kleine VR-Abenteuer", die vor allem eine jüngere Zielgruppe an das Kino bindet, das mit über 4.600 Plätzen und 23 Leinwänden immer noch Deutschlands größtes Multiplexkino sei und mittlerweile vom Kinounternehmer Wolfgang Weber und seiner Tochter Laura geleitet wird.

Was den Neubau von Kinos betrifft, gebe es bei den Banken ein klassisches Nord-Süd-Gefälle: "Aufwärts von Köln ist es schwer, Geld zu bekommen", stellen die Kinobetreiber fest. Bei der Spezialimmobilie Kino kneifen die Banken, anders als bei Logistikimmobilien. Auch die letzte große Hürde für den Neubau eines Kinocenters im nordrhein-westfälischen Kamp-Lintfort, wenige Kilometer von Moers entfernt, kann nur durch fünf Investoren gestemmt werden, die gemeinsam 7,5 Mio. Euro in das Projekt stecken und es damit zu ihrer Herzensangelegenheit machen. Die ca. 38.000 Einwohner zählende Stadt hat den Kinoneubau von Anfang an begrüßt. Ein rund 5.000 m2 großes Grundstück steht zur Verfügung, die Baugenehmigung wurde schnell erteilt. Auch die FFA will das Vorhaben mit 180.000 Euro unterstützen. Zusammen mit der Essener Consulthies von Anja und Meinolf Thies, die über ein ansehnliches Kinoreich mit Standorten in Solingen, Lünen, Osnabrück, Düren, Mülheim/Ruhr und seit diesem Juli auch in Salzgitter verfügen, steht ein Happy-End bevor. Diesen Herbst soll nun der erste Spatenstich für das Kino mit sieben Sälen und knapp 1.000 Plätzen erfolgen, die Eröffnung ist für Sommer 2018 geplant.

Immer wieder gibt es auch Probleme mit den Immobilienbesitzern. Ein Paradebeispiel ist die Situation im ostfriesischen Aurich. Dort hat das innerstädtische Einkaufszentrum Carolinenhof seit den 1980er Jahren eine wechselvolle Geschichte hinter sich, aber auch eine Konstante: ein erfolgreiches Kino mit fünf Sälen der Aschendorfer Betreiberfamilie Muckli. Die aber entschied sich für einen Neubau mit 1.000 Plätzen und investiert dafür rund 10 Mio. Euro. Der Grundstein wurde diesen März gelegt, der Einzug soll zum Jahresende erfolgen. Der Carolinenhof gehört seit zweieinhalb Jahren TB Investments, die zwischenzeitlich sogar mit Flugblättern bei den Anwohnern vergeblich Stimmung gegen das im Bau befindliche Kino machten, weil wohl die Wettbewerbssituation mit künftig insgesamt 2.000 Kinoplätzen als bedrohlich empfunden wird.
Kay Hoppe, Direktor von TB Investments Deutschland, suchte nach einer Lösung und schaltete Meinolf Thies als Berater ein. Der erfahrene Kinomanager erkannte die Chance, bot sich als neuer Betreiber an und entwickelte gemeinsam mit TB ein Kinokonzept für den Carolinenhof, das mit zukünftig zehn statt bisher fünf Sälen und einem größeren Foyer auch zum Neubau konkurrenzfähig sein soll. Im Frühjahr 2016 wurde ein Mietvertrag mit TB Investment geschlossen, wonach die zu errichtenden Kinosäle im Status veredelter Rohbau bis Mitte Oktober dieses Jahres an das Betreiberehepaar Thies zu übergeben sind.

Doch noch ist kein Stein für den Ausbau gelegt. Im Gegenteil äußerte sich Hoppe diesen Sommer gegenüber der Auricher Lokalpresse laut Thies "sibyllinisch". Bei der Vorstellung der Pläne für das Einkaufszentrum soll Hoppe gesagt haben, man denke bei der Centerentwicklung in alle Richtungen, ein Kino sei nicht lebenswichtig. Zu den Mietern im Carolinenhof zählen C&A, Rossmann, das Fitnessstudio Ladies First und neu akquiriert das Modelabel Kult auf 1.000 m2. Der Kommunikationsfaden mit dem neuen Kinobetreiber scheint gerissen zu sein, Vertragsvereinbarungen wurden nicht erfüllt. Thies geht jetzt juristisch vor.

Man kann sich sogar an einem der begehrtesten Kinostandorte in der Republik selbst ein (finanzielles) Bein stellen. In der Universitätsstadt Heidelberg mit ihren rund 150.000 Einwohnern fehlt seit Jahren ein Kinoangebot, das die drei kleineren Kinos ergänzt. Zunächst konnten sich Stadtverwaltung und Gemeinderat nicht auf einen Standort einigen, schließlich wurde der neue Stadtteil Bahnstadt ausgewählt. Den Zuschlag erhielt die Luxor FTB Englert aus dem benachbarten Walldorf, die an vier Standorten im Umland bereits erfolgreich Luxor-Filmpaläste betreibt. Ein Multiplex-Bau mit 16 Sälen inklusive einem Open-Air-Kino im Dachgeschoss und mit Platz für 1.800 Kinobesucher soll an der Eppelheimer Straße entstehen. Als Attraktion sollen drei Gondeln, zugänglich über einen gläsernen Sky-Walk in der obersten Etage, den Kinogästen einen Panoramablick über Heidelberg gewähren. Ebenso geplant sind eine große Freiterrasse mit Blick über die Stadt und ein Event- und Lounge-Bereich. Wie in allen Luxor-Filmpalästen gehört auch ein Meereswasseraquarium dazu - mit 450.000 Litern das größte von Englert. Die Aquarien seien "wegweisend für die dauerhafte Haltung von Meerestieren in der Zootierhaltung". Ein Fachmann sorgt für die Betreuung der Anlagen.

Es soll das "weltweit erste Kino im Passivhausstandard" werden und ein "hochkomplexer Entertainmentpark", betont Investor und Betreiber Jochen Englert gegenüber der Lokalpresse, um die sich schiebenden Eröffnungsdaten zu erklären. Seit 2014 werden immer neue Termine genannt. Im Juli 2015 fand der erste Spatenstich statt, für Mitte Oktober ist nun eine Teileröffnung von sechs Kinosälen angekündigt. Das Großprojekt soll Ende Januar 2018 vollends fertig sein. Aus Branchenkreisen hört man, dass nicht der nachträgliche Einbau von Sprinkleranlagen wegen Brandschutzauflagen für die Zeitverzögerung allein verantwortlich sei, noch der Kinoarchitekt Matthias Hansske, sondern letztlich die Umplanungen der Familie Englert. Die wiederum keine Auskünfte gibt.

Zu den Kernthemen bei Um- und Neubauplänen gehören die Bereiche Service- und Eventcharakter. Als Großmeister dieser Disziplin gilt Hans-Joachim Flebbe, der die deutsche Kinolandschaft der letzten drei Jahrzehnte maßgeblich mitgestaltete. 1991 eröffnete er in Hannover das erste Cinemaxx-Kino, 2008 schied er als Vorstandschef von Cinemaxx aus und baut seither eine Gruppe von Luxuskinos mit aktuell mehr als 40 Leinwänden auf. Das Astor-Konzept umfasst viele Serviceangebote: Parkservice fürs Auto, kostenlose Garderobe und Begrüßungsgetränk, Fingerfood und ausgewählte Getränke am Platz.

"Mit seinen sogenannten Luxuskinos schuf er eine Blaupause, an der sich weite Teile der Kinobranche entlangtasten", ist Arne Schmidt überzeugt, der als selbstständiger Berater unter anderem für Flebbe tätig ist. Mittlerweile hat Flebbe mit dem Zoopalast in Berlin und dem Astor Grand Cinema in Hannover auch gezeigt, dass man Großkinos zu Wohlfühl-Filmpalästen umgestalten kann. Für 2018 plant Flebbe die Eröffnung von drei weiteren Astor-Film-Lounges, eine davon soll das traditionsreiche Münchner Arri-Kino werden. Parallel ist er auf der Suche nach passenden Kinoimmobilien, um den erfolgreichen Astor-Gedanken weiter zu verbreiten.

Doch das Besondere, für das der Gast auch mehr bezahlen soll, muss den Kinogängern auch erklärt werden: Was bieten Dolby Atmos, D-Box-Sitze, der Film in 3D und das Gastro-Angebot? Zusammen mit dem Wirtschaftsinstitut Contalis aus Hamburg haben Arne Schmidt, Ernst-Günter Surkus und der Kinoverbund von Lutz Nennmann sowie Meinolf und Anja Thies, die eine gemeinsame Zeit bei Cinemaxx verbindet, ein branchenspezifisches Online-Lerntool namens Quadio entwickelt. Die Vermittlung und Sicherung von Branchenvokabular, Gesetzeskenntnissen und Serviceverhalten in wenigen Lektionen ist das Ziel und wird mit dem sogenannten Kinoabitur in einer Anlernbranche belohnt. Ein Aufbautool ist bereits geplant. Eine weitere Investition in die Zukunft und den wirtschaftlichen Erfolg.

Key Facts zum Kinomarkt

117 Mio. Kinotickets wurden laut GfK im Jahr 2016 verkauft, 19 Mio. weniger als 2015 (-14%). Aufgrund des moderat gestiegenen Ticketpreises sank der Ticketumsatz dagegen nur um 12% auf 1.021 Mio. Euro. Das entspricht dem dritthöchsten Ergebnis seit der GfK-Datenerhebung. Rund 25 Mio. Besucher wurden 2016 gezählt, 4,9 Mio. weniger als 2015. Der durchschnittliche Eintrittspreis für einen Kinobesuch betrug laut GfK 8,73 Euro (2015: 8,54 Euro). Kinder unter zehn Jahren, die meist Preisermäßigungen haben, wurden nicht berücksichtigt. Der Anteil der Jugendlichen und Twens lag 2016 bei 38%, am kinoaffinsten nach Reichweite waren wieder die zehn- bis 19-Jährigen (71%). Das Durchschnittsalter stieg auf 37,8 Jahre (2015: 36,9). Auch die Intensität der Pro-Kopf-Besuche steigerte sich auf 4,7 (+3%). 68 Mio. Kinotickets (56% aller Eintrittskarten) wurden für Blockbuster mit mehr als einer Million Besuchern erworben. Die drei erfolgreichsten Filme waren alle 3D-Animationsfilme mit Protagonisten aus der Tierwelt ("Zoomania", "Pets" und "Findet Dorie") und jeweils rund 3,8 Mio. Besuchern.


Quelle: Immobilien Zeitung



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