Wohlfühlkino schlägt Multiplex


Die Multiplex-Kinopaläste sind in die Jahre gekommen. Große Kinoketten haben in den vergangenen Jahren zu wenig investiert. Nun laufen viele Mietverträge aus. Bei neuen Vertragsverhandlungen kommen Vermieter mittlerweile gerne mit dem Kinomittelstand ins Gespräch. Der ist investitionsfreudiger, kreativer und verknüpft sein Schicksal in der Regel mit dem Erfolg des jeweiligen Kinostandorts.

In großen Buchstaben steht Traumpalast über der gläsernen, wie eine Leinwand gebogenen Fassade des im Juli eröffneten Kinos in Leonberg, in das eine Investitionssumme von rund 10 Mio. Euro floss. Leonberg ist eine rund 46.000 Einwohner zählende Stadt im Speckgürtel von Stuttgart. Der Name Traumpalast ist ein Versprechen, die Ausstattung vom Feinsten: Zehn Säle mit insgesamt 1.200 Sitzplätzen, alle individuell gestaltet. Sie werden durch LEDs in angenehmes Licht getaucht und wirken durch die aufwendige Wand- und Deckendekoration sehr edel. Ein Saal heißt "Bibliothek", weil dort Bücherregale mit echten Büchern an den Wänden stehen. Zum Saal namens "Club Kino" gehört eine Bar.

Komfortable Ledersitze, teils Loungesitze mit Fußstütze gehören ebenfalls zur Ausstattung wie die neueste Technik: 3D-Projektion in allen Sälen, in dreien auch Laser-Projektion. Als einziges Kino in Deutschland bietet der Traumpalast laut eigener Werbung das Soundsystem Dolby Atmos in allen Sälen an. Dazu bewegliche Kinosessel, sogenannte D-Box Motion Seats, die sich perfekt auf die Handlung abgestimmt bewegen. Sie versprechen für die aktuellen Blockbuster wie Suicide Squad, Elliot der Drache oder die Neuverfilmung von Ben Hur ein ganz intensives Kinoerlebnis. Das hat seinen Preis: Zur Eintrittskarte für 9,50 Euro kommt der 3D-Zuschlag mit 2,50 Euro und der D-Box-Sitz mit 5 Euro. Macht zusammen 17 Euro. Dazu Getränke und Knabbereien oder nach dem Film der Besuch in einem der beiden Gastronomiebereiche des Kinos. Ambiente, nicht Preis zählt, wie die Filmförderungsanstalt FFA ermittelte. In Kinos mit höheren Eintrittspreisen wird proportional mehr für den Verzehr ausgegeben.

Mittlerweile haben die Lochmann Filmtheaterbetriebe sieben Traumpalast-Kinos in der Metropolregion Stuttgart, dazu weitere Spielstätten bundesweit wie das Passage-Kino in Hamburg. Insgesamt kommen so mehr als 60 Kinosäle zusammen unter den Fittichen von Gründer und Geschäftsführer Heinz Lochmann, der sich als "kleines Unternehmen" bezeichnet. Doch er steht beispielhaft für den Kinomittelstand in Deutschland, der fleißig in Wohlfühlkinos investiert.

Dazu gehört auch Consulthies mit Firmensitz im Essener Ruhrturm, von Meinolf Thies 2003 gegründet. Angefangen hat er mit Managementaufträgen für die Cinemaxx-Gruppe. Die Zusammenarbeit endete im Herbst 2013. Mittlerweile hat er sich zusammen mit seiner Frau Anja Thies und Lutz Nennmann ein eigenes Kinoreich geschaffen mit Standorten in Lünen, Solingen, Osnabrück, Düren und Mülheim/Ruhr. Wie bei Lochmann wurde kräftig ins Ambiente der Filmtheater investiert.

Im Gegensatz zu Lochmann mieten die Nennmann & Thies Kinobetriebsgesellschaften die Immobilien. Deren Besitzer sind oft Fonds, die mit ihren bisherigen Mietern nicht zufrieden sind. Wie in Düren, wo die Betreibergesellschaft Comet Cinema ihren Mietvertrag kündigte, um günstigere Konditionen auszuhandeln, was 2013 für mehrere Berichte in der Lokalpresse sorgte. Die Kündigung nutzte der Immobilieneigentümer, die DDT Düren aus Amsterdam, um sich nach einem neuen Mieter umzusehen, den sie in den beiden Kinobetreibern Thies und Nennmann fand. Seit Juli 2013 läuft das Kino unter dem Namen Lumen Kinobetriebe und hat viele erfolgreiche Elemente des Betreiberkonzepts aus den Häusern in Lünen und Solingen übernommen. So gibt es keine kommerzielle Werbung mehr vor den Hauptfilmen, weil dies laut eigenen Umfragen die Besucher besonders stört. Die wegfallenden Einnahmen werden durch einen 30-Sekunden-Spot kompensiert, in dem Sponsoren vorgestellt werden. Durch die eingesparte Werbezeit wird die Zahl der Vorstellungen erhöht. Abendvorstellungen gibt es um 19 Uhr und um 21 Uhr. Die ursprüngliche Sitzzahl in den fünf Spielstätten wurde um fast 20% zugunsten von mehr Sitz- und Sichtkomfort reduziert. Mit neuester Technik, gestiegenem Komfort und Service durch mehr geschultes Personal haben die Kinobetreiber für alle Standorte Besucher- und Umsatzsteigerungen erreicht. 2015 waren es stolze 1,3 Mio. Besucher in den fünf Kinos.

Die FFA erfasst die Kinoergebnisse im Einzelnen nur für Städte in Deutschland mit über 200.000 Einwohnern. Doch nicht nur Nennmann & Thies, sondern viele Mittelständler sind in Städten mit weniger als 200.000 Einwohnern erfolgreich. Das ist kein Zufall. Dort sind die Mieten günstiger, die Konkurrenz geringer. Warum sollte der Kinogänger von Lünen nach Dortmund oder von Waiblingen nach Stuttgart in ein Multiplexkino fahren, wenn er vor der Haustür neben dem aktuellen Filmangebot auch mehr Ambiente als in einem Kino der großen Ketten erhält?

Um den Jahrtausendwechsel schossen die meist nur einseitig nutzbaren Multiplexbauten wie Pilze aus dem Boden. "In manchen Regionen in der teils trügerischen Hoffnung auf opulente Renditen, obwohl über den Bedarf hinaus entwickelt wurde", meint Arne Schmidt, der über 15 Jahre als Sprecher einer großen Kinokette alle Entwicklungen der Branche "in der ersten Reihe" begleitet hat. Heute ist er als selbstständiger Berater unter anderem für Hans-Joachim Flebbe tätig, der mit seinen Luxuskinos unter der Marke Astoria seit Jahren erfolgreich neue und oft nachgeahmte Akzente im Kinomarkt setzt. Nicht nur Schmidt beobachtet, wie die einst stolzen Multiplex-Paläste in die Jahre gekommen sind und in Teilen heruntergewirtschaftet wurden. Gerade große Kinoketten hätten in schwierigeren Jahren auch das Risiko verstärkt auf die Vermieter ausgelagert und notwendige Investitionen und Innovationen zurückgestellt. Ein Zustand, der für das Image der Kinos im Ganzen nicht förderlich ist.

Nun laufen reihenweise die Mietverträge für die monofunktionalen Großkinos aus. Der Zeitpunkt für die Kinoketten, sich von nicht rentablen Häusern zu trennen oder von den schlechten Mietkonditionen, die in den 90er Jahren euphorisch ausgehandelt wurden, wegzukommen. Damit es nicht zu einer hausgemachten Krise komme, müsse neu investiert werden, um dem Publikum gute Gründe fürs Ausgehen zu liefern, so Schmidt. Ein Next-Generation-Multiplex sieht er im hochmodernen Premiumkino Astor Grand Cinema von Flebbe in Hannover in der Hülle des einstmals ersten Cinemaxx. Laut Nennmann werden die Probleme größer, je größer die Kinoimmobilie ist. Für Großkinos mit 4.000 bis 5.000 Plätzen sieht er allein schon aufgrund des demografischen Wandels ein Zukunftsproblem. "Ältere wollen mehr Übersichtlichkeit und sich im Foyer nicht wie auf der Kirmes vorkommen." Der Mittelstand wird nicht jeden angebotenen Multiplexstandort übernehmen, weil Millionenbeträge investiert werden müssten. Nennmann: "Im Gegensatz zu Kinoketten muss bei uns jeder Standort betriebswirtschaftlich funktionieren, weil das eigenständige GmbHs sind."

Key Facts zum Kinomarkt

Im Jahr 2015 wurden nach Angaben der GfK 136 Mio. und damit 16 Mio. Kinotickets mehr verkauft als 2014 (+13%). 29,9 Mio. Kinobesucher wurden gezählt, das sind 2,9 Mio. mehr als 2014 (+11%). Der Ticketumsatz stieg sogar um 18% auf 1,161 Mio. Euro, das höchste Ergebnis seit GfK-Datenerhebung. Der durchschnittliche Ticketpreis lag bei 8,54 Euro, 5% höher als 2014 (8,15 Euro). Den größten Besucheranteil stellten 2015 Jugendliche bis 19 Jahre mit 21%, darauf folgten 20- bis 29-Jährige mit 20%. Die Kinobesucher ab 60 Jahren wiesen die geringste Besuchssteigerung zum Vorjahr auf. Allerdings ist dabei zu beachten, dass diese Altersgruppe im vergangenen Jahr im Gegensatz zu den jüngeren Altersgrupen keine Besucherverluste, sondern eine Wachstumsrate von 12% aufwies. Im Vergleich von 2010 bis 2015 zeigte sich, dass die Zahl der 10- bis 19-jährigen und der 20- bis 29-jährigen Kinobesucher um jeweils 10% zurückging, die Zahl der 30- bis 39-jährigen stagnierte. In diesem Zeitraum sind die Altersgruppen ab 40 Jahren viel kinoaffiner geworden. Sie stellen 44% des Gesamtkinobesuchs. 57% aller Kinobesucher verzehrten 2015 auch Getränke, Popcorn und Co. In Kinos mit höheren Eintrittspreisen wurde proportional mehr für den Verzehr (Durchschnitt: 5,08 Euro) ausgegeben.


Quelle: Immobilien Zeitung



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