„Wir können lauter als Du“

 

Traumfabrik nicht ohne manchen Alp: Der Kinokoloss Cinemaxx am Berliner Platz wird 20 Jahre alt

Der Tod ereilte sie im bequemen roten Plüsch. Es war Sonntagnachmittag, es roch nach frischem Popcorn, und als auf der Leinwand für „Lauras Stern“ der Abspann lief und im Saal wieder das Licht anging, da war jener der betagten Omas für immer verloschen. Wäre da nicht ihre Begleiterin, ein kleines vierjähriges Mädchen, verstört und geschockt zurückgeblieben – man könnte achselzuckend die alte Erkenntnis zitieren, dass der Tod nun mal zum (Kino-) Leben dazu gehört. Und dass ein einziger Todesfall in 20 Lichtspieljahren weiß Gott nicht viel ist – gemessen an der von keinem je gezählten Schar derer, die da auf 16 Cinemaxx-Leinwänden auf so vielfältige (und meist wohl weit weniger friedliche Art und Weise) dahingeschieden sind.

Nicht, dass im Kino nicht auch viel gelacht und gestaunt, gebangt und geredet, gerätselt und geflirtet worden wäre. Aber gestorben wird halt besonders gern, und man kann die Geschichte von mittlerweile zwei Jahrzehnten Traumfabrik am Berliner Platz wohl nicht erzählen, ohne dass einem der Titel eines alten Italowesterns einfällt: „Leichen pflastern seinen Weg“.

Mittelständische Kinoszene

Dazu muss man jüngeren Semestern erzählen, wie Essens Kinoszene vor jenem 11. Dezember des Jahres 1991 aussah, als das Cinemaxx mit Sekt und Selters und in Anwesenheit von 3000 geladenen Gästen eröffnet wurde: Da gab es das Roxy und den Grand Filmpalast, Atrium, Europa und Broadway, es gab das Film-Casino, die Filmpalette, die große Lichtburg natürlich und neben den Filmkunsttheatern von Eulenspiegel bis Galerie Cinema auch ein paar kleine Vorort-Kinos wie das Filmeck in Kray oder die Filmbühne in Altenessen.

Eine mittelständische Kinoszene wie so viele, beherrscht von einigen wenigen Mitspielern, die mal die Filmkunst pflegten und mal auch nur ihr eigenes Portmonee. Das brachte wohl zu lange den Wettbewerb und damit auch so manche nötige Investition zum Erliegen, erhielt aber immerhin vielerorts den Kino-Charme der 1950er. In diese etwas angestaubte Idylle platzte im Dezember 1989 ein NRZ-Aufmacher, der sozusagen den Beginn des Dramas markiert: Auf dem Gelände des alten Krupp’schen Konsums am Westrand der Innenstadt, so stand da zu lesen, wollte die Stadt ohne viele Debatten und sozusagen als „Geschäft der laufenden Verwaltung“ den Bau eines wahren Kinokolosses erlauben: 5200 Sitzplätze in 16 Kinosälen, modernste Technik, ein Parkhaus nebenan, dazu gastronomische Verheißungen aus der Popcorn-Maschine und halben Putzeimern voller Cola. Sollte die Branche Alarm geschlagen haben, dann allenfalls hinter der Leinwand. Davor bemühte man sich um eine Pose lässiger Erwartung. Von Nervosität zeugte allein die Tatsache, dass Kino-Unternehmerin Ilse Menz etwa ihrer Lichtburg neues Gestühl gönnte, bevor der Kino-Riese ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt am 12. Dezember für die Allgemeinheit öffnete.

Was dann folgte, kann man wohl mit Fug und Recht eine Abstimmung mit den Füßen nennen: Nach 100 Tagen notierte das Cinemaxx knapp über 400.000 Besucher, weitere 100 Tage später schloss Ilse Menz sommers ein paar kleinere Kinos – es war der Anfang eines Kino-Strukturwandels, an dessen Ende das Aus der meisten City-Kinos stand, aber eben auch die Rettung von Lichtburg und Astra durch Marianne Menze und Co.

Es war die Zeit, als Meinolf Thies, als Cinemaxx-Chef oben an der großen Glaswand stand und sich beim Blick nach draußen fragte, „was die Leute wohl früher am Samstagabend so getrieben“ haben: Jetzt standen die Autos in Doppelreihen vor dem Parkhaus und die Kinofans vor den Kassen Schlange, und als am Ende des Allzeitrekordjahres 1993 die Besuchermarke knapp vor der Zwei-Millionen-Grenze, bei 1.994.585 stehenblieb, da kamen sie sich am Berliner Platz wie im Traum vor: „Das war schon organisierte Geilheit“, sagt Thies, damals 29 Jahre alt, und gibt bei allem Bedauern über die zahlreichen Kino-Opfer in der Innenstadt eines zu bedenken: „Dass das Essener Cinemaxx so groß geworden ist, hat letztlich einen entscheidenden Vorteil: Es war der Garant dafür, dass hier nicht wie in anderen Städten noch weitere Multiplexe aus dem Boden schossen.“

Und wenn es schon Konkurrenz gab, dann aus eigenem Hause: Um den neuen Kinogiganten eines kanadischen Konzerns am Rhein-Ruhr-Zentrum, zu verhindern, baute Cinemaxx dort einen kleineren Ableger, der im Dezember 1998 an den Start ging. Und erlebte hernach, dass die Traumschnell zur Alptraumfabrik werden kann, wenn die Besucher ausbleiben. Meinolf Thies erinnert sich, dass er Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe vor zehn Jahren Sorgen um den Kino-Goliath ausredete: „Ich habe ihm gesagt, dass das Essener Cinemaxx niemals unter einer Million Besuchern landet. Wenn doch, soll er mich sofort entlassen“.

Unter die Millionengrenze

Nun, die Millionengrenze unterschritt Essens Kinoriese schon 2002, fünf Jahre später kam man nicht mal mehr auf eine Dreiviertelmillion. Der Kinokoloss taumelte arg, aber er fiel nicht: Bei 775.000 Gästen pendelte sich der Besuch im vergangenen Jahr ein, weitere 475.000 waren es in Mülheim. Das reicht für schwarze Zahlen, hüben wie drüben, und für neue Verschönerungsarbeiten in den kommenden Jahren: 2012 sind alle Oberböden dran, danach gibt’s neue Sessel.

Aber definitiv keine neuen Voraussagen. Wo der Kinomarkt hinsteuert? Da gibt es Indizien, manchmal auch mehr als das: Die Luxus-Säle, in denen der Kino-Kaufhaus-Charme größerem (und entsprechend teurerem) Komfort weicht, haben sich bewährt. Und die dritte Dimension eröffnet offenbar auch neue Räume für die Rendite: 2011 wurden 23,4 Prozent der Essener Cinemaxx-Tickets für 3-D Streifen verkauft, ein Anteil, der im kommenden Jahr eher steigen dürfte – mit 3-D-Produktionen von Star Wars bis Titanic, von Ice Age und Spiderman bis zu Tolkiens kleinem Hobbit.

Und dann traut sich Thies doch eine Voraussage zu, dass nämlich die Groß-Fernseher dem Kino nicht den Garaus machen werden, auch nicht wenn sie 3-D bieten: „Es ist, wie wenn man sich ein Steak zu Hause brät: Lecker Essen zu gehen ist doch etwas ganz anderes.“ Die gesicherte Verdunkelung, die große Leinwand, das gewaltige Bild: „Kino gibt’s nur im Kino“, zitiert Thies einen Klassiker, „Und im Zweifel sage ich jedem: Wir können lauter als Du.“

Bis zum Jahresende, wenn alles gut läuft, wird das Essener Cinemaxx seinen 25-millionsten Besucher begrüßen können. Und wer weiß, vielleicht ist wieder mal einer drunter, der seiner Liebsten per Film, eingebettet in den Werbeblock, seine Liebe gesteht. Sehr beliebt so was, und mitten aus dem (Kino-)Leben gegriffen: Viele Hochzeiten und, nun ja, dieser eine Todesfall.


ZUR PERSON
Meinolf Thies

Es ist „sein“ Riesenbaby, von Anfang an, und die 20-jährige Geschichte des Kinokolosses Cinemaxx am Berliner Platz deshalb auch irgendwie sein Berufsleben: Gerade mal 27 Jahre alt war Meinolf Thies, als Hans-Joachim Flebbe ihm im Dezember 1991 das Management des größten Kinocenters in Deutschland anvertraute. Thies feierte dort bis heute unerreichte Besucherrekorde und bekam 1994 den Auftrag, diesen Erfolg wenn möglich auch auf andere Standorte im In- und Ausland zu übertragen. 2003 kehrte Thies nach Essen zurück und führt den Kinoriesen seither weitgehend selbstständig per Managementvertrag. Unter seinen Fittichen finden sich das Cinemaxx in Essen und Mülheim, das (allerdings nicht zum Konzern gehörende) Cinemaxx in Solingen, das Cineworld in Lünen und die Filmzeche Hollywood in Herten – zusammengenommen 44 Leinwände und 12.500 Sitze. Erst vor drei Monaten hat Thies seinen Vertrag mit Cinemaxx wieder um drei Jahre verlängert. Und danach? Was man als Kinomacher halt so sagt: „Mal sehen...!“

Quelle: NRZ



Zurück zur Newsübersicht

Partner


CinemaxX
Cineworld Lünen
Filmpassage Osnabrück
CinemaxX Solingen
xXLounge im CinemaxX Essen
checkinevent